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Inhalt

Die Brailleschrift

Der Erfinder

Der Erfinder der Punktschrift Louis Braille wurde 1809 im französischen Coupvray, nahe Paris, geboren. Im Alter von drei Jahren verletzte er sich mit einem Werkzeug schwer an einem Auge. Übergreifende Entzündungen führten dazu, dass er schließlich auf beiden Augen vollständig erblindete. Intelligent und aufgeweckt wie er war, wurde er von seinen Eltern und dem Dorfpfarrer gefördert und ging in die Dorfschule. Ab 1819 besuchte er das königliche Institut für junge Blinde in Paris. Bereits 1825 stellte er die von ihm erfundene Blindenschrift der Öffentlichkeit vor. Zu diesem Zeitpunkt war Braille gerade mal 16 Jahre alt.

Das System

Natürlich hatte es hinsichtlich der erhabenen Darstellung von Schrift Vorläufer zu Brailles Punktschrift gegeben. Die entscheidende Anregung für Brailles System lieferte aber Charles Barbier, ein Artilleriehauptmann, der eine Nachtschrift für Soldaten entwickelt hatte, die auf zwölf Punkten basierte.

Louis Braille überarbeitete das System so lange, bis es in der bis heute gültigen Form vorlag: Sechs Punkte sind angeordnet in zwei Spalten und drei Zeilen – wie die Zahl sechs auf einem Würfel. Diese Form passt bequem unter eine Fingerkuppe und ist daher optimal zu lesen. Die Kombination der Punkte erlaubt 64 verschiedene Anordnungsmöglichkeiten. Diese sind ausreichend für die Darstellung aller Buchstaben, Akzente und Satzzeichen in den Sprachen, die wie das Französische als Schriftsprache die lateinischen Buchstaben verwenden.

Die Brailleschrift in verschiedenen Sprachen

Die Brailleschrift wurde auch in Sprachen übernommen, deren Schwarzschrift nicht auf dem lateinischen Alphabet aufbaut. In diesen Fällen richtet sich Braille danach, wie die eigentlichen Schriftsysteme (z.B. Russisch, Arabisch oder Chinesisch) in die lateinische Schrift umgeschrieben werden. Nur drei Sprachen haben den Braillezeichen vollkommen andere Lautwerte zugeordnet: Japanisch, Koreanisch und Tibetisch.

Die Kurzschrift

Braillezeichen benötigen wesentlich mehr Raum als Schwarzdruck-Buchstaben. Deshalb existieren in vielen Sprachen Kurzschriftvarianten. Diese sind platzsparend und schneller zu lesen. Dafür müssen viele Zeichenkombinationen gelernt werden.

Andere Anwendungsfelder

Die Brailleschrift findet auch Anwendung in Feldern außerhalb des reinen Lesens. Dabei werden die gleichen 64 Kombinationsmöglichkeiten verwendet; sie tragen jedoch eine andere Bedeutung. So gibt es zum Beispiel die Musiknotation (von Braille selbst erfunden), Schriften für chemische und mathematische Zeichen, Schriften fürs Stricken, für Schach und das Computerbraille (häufig aus acht Punkten bestehend).

Die Herstellung

Zu Beginn ihrer Geschichte konnte die Brailleschrift lediglich manuell mit Hilfe einer Tafel und eines Griffels produziert werden. Später wurden Blindenschriftschreibmaschinen erfunden. Heute, im digitalen Zeitalter, wird an den Computer eine Braillezeile angeschlossen. Und auch die Übertragung größerer Texte für Bücher und Zeitschriften erfolgt computergestützt: Schwarzschrift wird am Computer in Punktschrift umgewandelt, die dann mit verschiedenen Druckerarten ausgedruckt oder gleich als E-Braille an mobile Endgeräte übertragen werden kann.

Die Brailleschrift im 21. Jahrhundert

Seit ihrer Erfindung ist die Brailleschrift unersetzbar für die Bildung, Berufstätigkeit und gesellschaftliche Teilhabe blinder Menschen. Sie trägt einen großen Anteil an der Vermittlung des Wissens der Welt an Menschen, die gedruckte Texte nicht lesen können. Im digitalen Zeitalter kann die Vision Wirklichkeit werden, dass in einer globalen Bibliothek jedes Buch in adäquater Qualität zum gleichen Zeitpunkt für jedermann verfügbar sein wird. Ob auf Papier, Medikamentenverpackungen, Waren des täglichen Bedarfs, im Fahrstuhl, auf Handläufen oder digital per dynamischem Display an PC, Handy, PDA und Co. – Brailles Punkte sind immer dabei, wenn es um das fundamentale Menschenrecht auf Information geht.

Doch die Gegenwart und ihre rasanten technologischen Entwicklungen stellen den Umgang mit der Brailleschrift vor große neue Fragen, die es zu beantworten gilt:

  • Wie wird es blinden Menschen ermöglicht, auf ihre eigene Art und in ihrem eigenen Tempo Texte zu erfahren?
  • Können wir garantieren, dass die Brailleschrift für alle, die sie nutzen möchten, bezahlbar ist?
  • Wie können wir in Zeiten sprechender Lesegeräte gewährleisten, dass auch blinde Menschen über sichere Rechtschreibkenntnisse verfügen?
  • Wozu Notizen in Brailleschrift, wenn es Diktiergeräte gibt?
  • Sehende verzichten nicht auf das Erlernen von Lesen und Schreiben, weil es Piktogramme und Hörmedien gibt. Warum sollten das blinde Menschen tun?
  • Wozu braucht man Brailleschrift auf Papier im Zeitalter von Notebooks und dynamischer Displays?

Die Beantwortung dieser Fragen ist als Herausforderung und Chance für die Weiterentwicklung der Brailleschrift zu sehen – nicht als deren Krise. Braille21 wird sich dieser Aufgabe stellen und die positive Entwicklung der sechs Punkte vorantreiben.

Braille-Botschafter

Foto Regina Vollbrecht

Regina Vollbrecht (35),
Berlin

»Ich freue mich auf Braille21, da wir uns dort über die vielfältigen Einsatzmöglichkeiten dieser genialen Schrift austauschen können.«

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